„Das IoT beginnt im Kopf“

Die Schweiz ist eine Dienstleistungsgesellschaft. Aus der Vogelperspektive mag das stimmen, aber Tatsache ist auch: Im breiten Mittelstand wird das Geld noch mit ganz handfester Arbeit verdient. Maschinen- und Werkzeugbau. Engineering. Handwerk. Allesamt Wirtschaftszweige, die von traditionell gewachsenen Unternehmen dominiert werden – nicht selten Familienbetriebe. Allesamt Wirtschaftszweige, die potenziell stark von der Digitalisierung profitieren können. Und sich damit schwertun. Warum?

Ralf Günthner - Swisscom Schweiz
„So wie es heute Anbieter gibt, die keine Autos mehr anbieten, sondern einfach Mobilität, kann das zukünftig auch mit der Heizung funktionieren“
Ralf Günthner, Swisscom

„Weil es im Internet der Dinge eben nicht um Dinge geht, sondern um Daten“, sagte Ralf Günthner, Head of Industrial Internet of Things bei der Swisscom, jüngst auf dem SAS IoT Forum in Zürich. Dahinter steckt viel mehr als eine begriffliche Spitzfindigkeit. Es geht darum, wie, wo und womit ein Unternehmen Wert generiert. Und hier ist ein Bruch mit lange gehegten Traditionen in vielen Fällen unumgänglich.

Wo entsteht Wert?
Tatsächlich steckt der Mehrwert im Internet der Dinge nicht (nur) in der Online-Anbindung von Maschinen und Geräten. „Fernsteuerung und -auswertung gibt es in der Grossindustrie schon seit Jahrzehnten. Die Vorteile sind also bekannt“, so Günthner. Diese Erkenntnisse kämen jetzt auch im Mittelstand an. Als Beispiel nannte er in Zürich das mittelständische Heizungsbau-Unternehmen Walter Meier. Dieses Unternehmen hat mit Unterstützung der Swisscom Heizungsanlagen mit Sensorik und Konnektivität ausgestattet und macht damit Heizkessel und Co. IoT-tauglich. Das Ergebnis: Servicetechniker können jetzt aus der Ferne entscheiden, ob und welche

Wartungsarbeiten ausgeführt werden müssen, und die Effizienz der Anlage im Sinne des Kunden überwachen. Damit macht Walter Meier einen wichtigen Schritt vom Technik-Unternehmen zum echten Dienstleister. Das ist schon deshalb langfristig entscheidend, weil die wartungsintensiven Öl- und Gasheizungen schon heute sehr oft durch wartungsarme Wärmepumpen ersetzt werden, bei denen ein regelmässiger Kundendienst gar nicht mehr vorgesehen ist.

Kurz gesagt: Mit IoT-Mitteln bringt Walter Meier sein Geschäftsmodell ins digitale Zeitalter. Dabei ist der Aspekt der Fernwartung nur ein erster Schritt. Perspektivisch stellt sich das Unternehmen damit auch dafür auf, nicht mehr Heizungsanlagen, sondern schlicht Raumtemperatur zu verkaufen. „So wie es heute Anbieter gibt, die keine Autos mehr anbieten, sondern einfach Mobilität, kann das zukünftig auch mit der Heizung funktionieren“, erklärt Günthner.

Denk-Wende
Wenn es im IoT aber vor allem um die Daten geht, kann das langfristig noch nicht das Ende der Fahnenstange sein. Der wirklich revolutionäre Part steht gerade im Mittelstand noch aus: die konsequente Vernetzung und Nutzung der Daten im Branchenverbund und darüber hinaus. So erfasst die IoT-Box der Wärmepumpen ganz automatisch auch die Aussen- und Innentemperaturen jedes Hauses mit – Rohstoff zum Beispiel für eine geografisch viel präzisere Wetterbestimmung samt -prognose. Dazu ist es erforderlich, die Daten intelligent zu korrelieren und auszuwerten – für moderne Analytics eine zuverlässig beherrschbare Übung, sogar in Echtzeit.

Noch davor steht allerdings die Bereitschaft, die Daten auch aus der Hand zu geben. Und hier tun sich viele Unternehmen noch sehr schwer: „Wir reden hier von Unternehmen, die sich ihren Marktstatus über Jahrzehnte durch exzellente operative Arbeit erworben haben. Ihnen jetzt klarzumachen, in Dateien ein wichtiges Kapital und Asset zu sehen, braucht seine Zeit“, ist die Erfahrung von Günthner aus den letzten Jahren. Viele Unternehmer hätten diese Denk-Wende noch vor sich. Der Change-Prozess sei aber von zentraler Wichtigkeit: „Das IoT beginnt im Kopf des Unternehmers.“

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